Als Gottfried Wilhelm Leibniz behauptete, dass die bestehende Welt die beste aller möglichen sei, kann er unmöglich geahnt haben, dass irgendwann Heidi Klum und das angeschlossene Bootcamp auf Pro Sieben ihr Unwesen treiben werden.
Wir schreiben das Jahr 2009. Jeden Donnerstag ab 20.15h dröhnte es bis vor kurzem immer wieder parolenhaft: „Nur eine kann Germany’s Next Topmodel werden. Nur eine kann Modelverträge mit C&A im Wert und Maybeline Jade Im Werte von 200.000 € bekommen!“
Diese eine soll – on the Top – die beste aller möglichen sein? Von fast 19.000 Bewerberinnen? Wie kann der liebe Gott mit all seiner Ewigkeit und vollkommenen Weisheit diesen TV-Fusel zulassen? Statt die Leibnizsche Theodizee-Frage zu stellen, müsste man aktualisierend die Hei-dizee-Frage aufwerfen. Warum behauptet der Keksphilosoph allen Ernstes, dass diese Welt – trotz dieser Herrscherin von Germany’s Next Topmodel (siehe Stern-Titelbild v. 07.05.09) – das Beste ist, was möglich sei?
Was wohl das Beste ist?
Der Wahlhannoveraner stellte die These auf, dass in diesem Besten eine höchste Weisheit und eine vollkommene Harmonie steckten. Harmonie!? Kann von Harmonie gesprochen werden, wenn naive junge um Anerkennung winselnde Laufstegmaskottchen zwischen 16 und 20 Jahren rachsüchtig gegeneinander um die Gunst einer egozentrischen Businesslady und Familienmutter buhlen, um dann nach jeder Aufgabe tränenreich gestehen zu müssen, dass die Woche nicht optimal verlaufen sei und man mit dem Ausscheiden rechnen müsse. Die Saras, die Vanessas, die Mandys und Marias und die zornigen Iras? Sie alle lebten und hungerten wochenlang in völliger Eintracht im New Yorker Trainingslager des FC Heidi? Oswald Spengler würde kulturpessimistisch zunächst eher vom Untergang des Abendlandes sprechen.
Beste wöchentliche Einschaltquoten sprechen jedoch eher für Leibniz, denn die Magerfleisch Revue erzielte durchschnittlich 25 Prozent Marktanteil. Dies scheint offensichtlich das Beste, was am Donnerstagabend möglich ist. Aber das ahnte Leibniz unmöglich voraus, schließlich lebte er fern von jeglichen Einschaltquoten. Oder hat es damals vielleicht schon vergleichbare Fleischbeschauungen – gewissermaßen Model-Monaden – gegeben?
Wenn es allerdings nicht an den jeweiligen Donnerstagen nicht die Höchstleistungen derer war, die wie ferngesteuerte magersüchtige Marionetten aus Heidis Puppenkiste über die Bretter tänzelten, so bringt vielleicht eine phänomenologische Analyse der Heidi Klum ein Urteil im Rahmen der Leibnizschen These: Ein Blick in die Maiausgabe der deutschen „View. Die besten Bilder des Monats“ verführte den Verfasser dieser Zeilen zu einem ungewohnten Kaufakt selbiger Ausgabe. Begründung: Auf dem Titelbild lauerte eine verführerische Antwort auf Leibniz‘ These: Die bessere Heidi Klum. Damit war jedoch nicht die talentlose deutsche Wurst gemeint – so bezeichnete ein ehemaliger Modelagent Klums sein Mädchen in der Maiausgabe des Stern – sondern eine wohlanzusehende Schokolade aus den USA mit dem Label Tyra Banks. Doch nun der Reihe nach! Sonst verliere ich den Leibnizschen Ansatz gänzlich aus den Augen. Es muss Leibniz auch ohne Televisionen wie ‚Germany’s Next Top Model‘ oder ‚Deutschland sucht den Superstar‘ bewusst gewesen sein, dass es üble Dinge auf dieser Welt gibt. Diese Tatsache bewegte ihn offenbar trotzdem dazu, vom Besten Im Allgemeinen zu sprechen. Das Übel bzw. das Böse konnte er unmöglich leugnen oder utopistisch verdrängen. Wenn er also vom Besten oder Vollkommenen schreibt, dann muss er die Existenz sowohl des Guten (Tyra Banks) und des Unvollkommenen (Heidi Klum) apriori anerkennen und posteriori bei dieser Theorie standhaft bleiben.
Ich gehe empirisch davon aus, dass Tyra Banks auch mal ‚ganz unten‘ angefangen hat. Nach Jahren harter Arbeit ist diese nun in der ‚Model Hall Of Fame‘ angekommen. (Und nebenbei bemerkt: auch Heidi wird dies schaffen). Wenn Leibniz kulturoptimistisch gedacht hat, so hat er wahrlich nie den gegenwärtigen Zustand der (TV-)Welt beschreiben wollen, sondern dessen Entwicklungspotential, als beste aller denkbaren Welten. In der Welt selbst ist dieses Potential als die Fähigkeit angelegt, sich ständig verbessern zu können. Tyra Banks, Heidi Klum und selbst Jürgen Klinsmann stehen für diese Fähigkeit. So trat ja der ehemalige Bundestrainer beim FC Bayern München nach Leibnizscher Philosophie an, um jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen zu wollen. Schade, dass die FC-Bayern-Verantwortlichen statt Leibniz wohl lieber Spengler gelesen haben und den drohenden Untergang des FC Bayern voraussahen.
Auf diesem Hintergrund vermute ich, dass sich der geneigte Leibnizkritiker bei der Deutung des Begriffs der Vollkommenheit inhaltlich von der Auffassung des Perfekten entfernen sollte, um Leibniz plausibel werden zu lassen. Ein vollkommener Gott kann schließlich kein Interesse daran haben, dass auf seiner auserwählten Welt alles perfekt ist. Sonst ließe er es wohl kaum zu, dass die taz den Klinsi ans Kreuz nagelt.
Vollkommenheit meint eine unausweichliche Vielfalt, an Möglichkeiten, an Entscheidungsfreiheit. Vielfalt muss in diesem Zusammenhang auch die Existenz des Schlechten gegenüber dem Guten bedeuten. Neben einer Tyra Banks muss es eine Heidi geben, sonst wäre diese Welt nicht vollkommen. An und für sich ist das Bestehen des Übels bereits ontologisch festgelegt: Wenn es Vollkommenheit gibt, so ist - dualistisch betrachtet - die Unvollkommenheit eine seinsmäßige Notwendigkeit. Und wenn die Sache mit der Willens- und Handlungsfreiheit so stimmt, wie mir einige Herren der Philosophie glaubhaft versichern – so darf ich mich als freier Mensch auch für das Übel entscheiden und mir jeden Donnerstagabend das Klumsche Brutalitätstraining der vermeintlichen Top Beauties metaphysisch und hämisch vergegenwärtigen.
Es ist jammerschade, dass Heidi Klum Leibniz noch nicht gelesen hat. (Und das obwohl sie Abitur erlangte!) Sie sieht zwar das Übel dieser Welt, sie ist jedoch beseelt davon, mit immer neuen Challenges, Laufstegtrainings und Speed-Shootings das Übel nihilistisch auszumerzen. Leider findet sie das Übel immer nur bei anderen, dabei wäre die Leibnizsche Übeltheorie an Heidi Klum praktisch und selbstreflexiv leicht darstellbar: In Heidi sind das metaphysische Übel (Heidi ist fehlbar!), das physische Übel (So gut sieht die gar nicht aus!) und das moralische Übel (Ich habe heute leider kein Foto für dich!) vereint. Sie akzeptiert einfach keine Schwachheiten und fordert von ihren Schützlingen immer wieder entwürdigende Bestleistungen.
Entwickelt man die Leibnizsche Übeltriologie weiter, ist es notwendig, diese rhetorische Kapazität und virile Ruine Rolf sowie diesen satanistisch und geheimdienstlich wirkenden Kampf-Kritiker Peyman als terroristisches Kulturübel zu erwähnen. Wann verstehen diese Hofnarren, dass es auch in der Heidi-Monade ohne Sittlichkeit und Regeln nicht geht? Ein zusätzliches politisches Übel besteht darin, dass diese TV-Monade im Gegensatz zum ‚Superstar‘ nicht demokratisch organisiert ist. Als Heidi verblendeter Zuschauer darf man noch nicht einmal anrufen, um sein Geld zu verschwenden. Eine totalitäre Sauerei!
Dagegen ist Tyra Banks schon längst auf dem Leibniztrip, sie wirkt auf mich wie eine Befreiungtheologin: In America’s Next Top Model ist es doch tatsächlich möglich, vollbusig mit Kleidergröße 42 eine Staffel zu gewinnen. Respect! Und mit Tahlia Brookins tritt dort ein Model selbstbewusst vor die Jury, das als kleines Mädchen sichtbare Verbrühungen am ganzen Körper erlitt. Respect! Zu Recht spricht die Maiausgabe der View in diesem Falle – wenn auch etwas makaber – von natürlicher Schönheit! Das ist wahre Leibnizsche Vollkommenheitsatmosphäre. Eine Art erhabene Romantik.
Betrachtet man das betreffende Model als stoffliche Erscheinung so bildet es das praktische Abbild der theoretischen Vorstellung von der Harmonie. Die „ (…) Harmonie ist es, welche sowohl das Vergangene mit dem Kommenden, wie das Anwesende mit dem Abwesenden verknüpft (…)“ so Gottfried Wilhelm Leibniz. Fazit: Diese bestehende Welt ist ohne Heidi Klum einfach nicht vollkommen.
Der Worte genug. Es ist ausreichend nachgewiesen, dass diese Welt einfach geil ist. Ich lebe gern in der besten Welt, die möglich ist. Ich lebe gern in einer Demokratie des Guten und des Schlechten. Um es mit Faust zu sagen: Diese Welt hat nun einmal zwei Seelen in ihrer Brust!
Ich bin froh, dass Sara Deutschlands Top Model geworden ist. Und ich bin froh, dass der Vfl Wolfsburg die Meisterschale nach Niedersachsen geholt hat, auch wenn der beste der Trainer der Bundesliga nun zum FC Schalke 04 wechselt. Aber damit wäre ich wieder am Anfang meiner Ausführungen.
Literatur:
Thomas Kapielski, Sämtliche Gottesbeweise, Frankfurt a.M. 2009.
Christine Kruttschnitt, Hart, härter, Heidi, in: Stern, 20/2009, S. 161-173.
Gottfried Wilhelm Leibniz, Die Theodizee, übers. v. Artur Buchenau, Hamburg 1998.
„Gottfried Wilhelm Leibniz“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 24. April 2009, 05:49 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gottfried_Wilhelm_Leibniz&oldid=59354540 (Abgerufen: 6. Mai 2009, 07:46 UTC)
Sina Schierenberg, Tyra Banks lässt Heidi keine Chance, in: View, 05/2009, S. 100-107.